WeltWEGe-Interview mit sh:z Chefredakteur Stefan Hans Kläsener

„Journalisten sind nicht Teil des Systems“

Stefan Hans Kläsener arbeitet seit vier Jahren als Chefredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags (sh:z) in Flensburg. Die Teilnehmer Ali Blal (oberes Bild, rechts) und Kosai Alzaeim (oberes Bild, links) des Projekts WeltWEGe interviewten ihn zu den Themen Journalismus und Pressefreiheit. Mit dabei waren auch WeltWEGe-Teamerin Rawan Najjar und Podcast-Werkstattleiter Lukas Knauer.  

Ali: An wen richtet sich Ihre Zeitung?

Kläsener: Wir sind ein Massenmedium, das am meisten genutzte in Schleswig-Holstein. Die Zielgruppe sind die Menschen in diesem Bundesland.

Ali: Sie haben eine große Zielgruppe – das bringt ja auch Aufgaben mit sich. Welche sind das denn? 

Kläsener: Wir sind ein Breitenmedium, deshalb müssen wir Generalisten sein, uns in allen Bereichen auskennen und eine verständliche Sprache sprechen. Und als Regionalzeitung sind wir darauf angewiesen, zu verstehen, wie die Menschen in unserem Verbreitungsgebiet leben.

Lukas: Wie wichtig sind Ihnen denn Lesermeinungen?

Kläsener: Die sind sehr wichtig. Aber ich sage auch, wir sind dazu da, dem Leser Anregungen zu geben, zu denen er sich entscheiden und verhalten kann. Es ist aber nicht unsere Aufgabe, dem Leser nach dem Mund zu schreiben.

Ali: Und welche Aufgaben haben Sie als Chefredakteur? Wie wird man das überhaupt?

Kläsener: (lacht) Durch Zufall. Also, es gibt drei große Aufgaben eines Chefredakteurs: Eine ist „Face to the Customer“ – das Gesicht der Zeitung zu sein. Das zweite ist, die Redaktion zu führen. Beispielweise Redaktionssitzungen und Konferenzen zu leiten. Themenanregungen zu geben und Personalentwicklung zu machen. Im Sinne von: Wir wollen, dass unsere Zeitung besser wird. Und das Dritte ist: Man ist auch Ansprechpartner für die Bereiche des Verlages. Das heißt, sie müssen auch in das Unternehmen hinein kommunizieren.

Ali: Was ist denn überhaupt der Unterschied zwischen Presse- und Meinungsfreiheit? Gibt es da überhaupt einen Unterschied? 

Kläsener: Pressefreiheit ist das Recht der Presse, zu entscheiden, was sie veröffentlicht und was nicht. Meinungsfreiheit ist das Recht jedes Einzelnen, zu sagen, was er meint. Meinungsfreiheit gehört zur Presse, sonst funktioniert Presse nicht. Presse hat noch darüber hinaus den Auftrag, der Gesellschaft die Informationen zu geben, die sie braucht, um sich selber abzustimmen und zu organisieren.

Ali:Wie ist es denn überhaupt um die Pressefreiheit in Deutschland bestellt? Laut Reporter ohne Grenzen steht Deutschland ja auf dem sechzehnten Platz. Wie finden Sie das?

Kläsener: Also ich wüsste kein Land, in das ich morgen wechseln könnte, um dort Journalist zu sein und freier zu sein.

Kosai: Wie frei darf man denn hier in Deutschland berichten – gibt es da Grenzen?

Kläsener: Es gibt Grenzen im Strafgesetzbuch und im Pressekodex. Man darf nicht beleidigen, man darf keine rechts- oder linksextremen Positionen verbreiten, die das Grundgesetz und die Verfassungsordnung gefährden.

Kosai: Wurden Sie schon einmal verklagt?

Kläsener: Ja!

Ali:Auch wegen Fake News?

Kläsener: Wegen vieler Sachen! Also, wir werden oft verklagt. In der Regel sind das Klagen wegen Persönlichkeitsrechtsverletzungen. Das sind zum Beispiel Leute, die unter Verdacht geraten, eine Straftat begangen zu haben. Das nennt man „Verdachtsberichterstattung“ – das heißt, es gibt noch keine Anklage, aber es gibt eine Ermittlung oder einen Vorwurf im öffentlichen Raum. Dann fühlt sich jemand an den Pranger gestellt und verklagt uns. Da gibt es Pressekammern, die das verhandeln – und dann muss man die Berichterstattung entweder zurückziehen oder man darf sie aufrechterhalten.

Lukas: Aber was einmal veröffentlicht wurde, das kann man ja eigentlich nicht mehr zurücknehmen. Man könnte den Fehler berichtigen, aber…

Kläsener: Wenn wir selber einen Fehler machen, dann berichtigen wir selber. Wenn wir aber der Auffassung sind, unsere Berichterstattung war richtig, dann ziehen wir das nur zurück, wenn wir vom Gericht gezwungen werden. Das kann passieren – das ist die sogenannte Gegendarstellung, oder sogar der Widerruf – das kann Ihnen auch passieren. Aber das sind extrem seltene Fälle, und seitdem ich hier bin, ist es noch nicht ein Mal passiert.

Kosai: Wie würden Sie aber reagieren, wenn einer Ihrer Mitarbeiter absichtlich Fake News verbreiten würde?

Kläsener: Kündigen.

Lukas: Der Begriff Fake News ist ja gerade allgegenwärtig. Alle Medien, auch die Öffentlich-Rechtlichen, sehen sich mit Vorwürfen konfrontiert. Wie erleben Sie diese Diskussion?

Kläsener: Ich halte sie für völlig überzogen. Es gibt kein ernstzunehmendes Medium in Deutschland, das absichtlich Fake News verbreitet. Es gibt leider Verschwörungstheorien innerhalb bestimmter Gruppen in der Bevölkerung. Vor allem am rechten Rand der Bevölkerung. Die glauben, das ist alles abgekartet. Das stimmt nicht. Das Problem ist, dass wir durch die digitalen Verbreitungskanäle sogenannte Filterblasen haben, also hermetische Räume, die in sich geschlossen sind. Und darin ist alles selbstreferentiell. Das bedeutet: Man nimmt nur noch die Informationen wahr, die das bestätigen, was man sowieso glaubt.

Lukas: Wir haben bereits im Seminar darüber gesprochen, Pressefreiheit in Syrien und Pressefreiheit in Deutschland sind grundverschieden. In Syrien gibt es ausschließlich Kriegsberichterstattung, die wir in Deutschland ja gar nicht haben…

Kläsener: Ich habe ein sehr ungutes Gefühl in unserer Berichterstattung über den Krieg in Syrien. Weil wir keine Quellen haben. Und was von den wenigen Informationen, die wir bekommen, ist glaubwürdig? Auf welcher Seite steht der, warum sagt der das? Selbst die Bilder sind gefaket. 

Kosai: Arbeiten Sie auch mit Zeitungen in anderen Ländern zusammen?

Kläsener: Ja. Wir haben drei befreundete dänische Zeitungen. Eine deutsche Zeitung in Dänemark, eine dänische in Deutschland und eine dänische in Dänemark. Und darauf sind wir auch ziemlich stolz.

Kosai: Arbeiten für Sie auch Leute mit Migrationshintergrund?

Kläsener: Ja. Sie müssen mal durch unser Personalregister gucken. Da sind Namen, die zum Beispiel aus Polen oder aus Indien stammen, aber auch aus arabischen Ländern. Aber, ich gebe Ihnen Recht, ich könnte in keinem anderen Land als Österreich oder in Teilen der Schweiz arbeiten. Als Journalist nicht muttersprachlich sozialisiert zu sein, ist unheimlich schwer.

Kosai: Wann würden Sie sagen, dass sich Ihr Arbeitstag gelohnt hat?

Kläsener: Ob ein Tag gelungen ist, sehe ich am nächsten Tag, wenn ich die Zeitung nochmal in Ruhe lese. Dann merke ich, ob wir das gut gemacht haben, und was noch fehlt

Rawan: Sind Sie meistens zufrieden?

Kläsener: Nein. Das darf man auch nicht sein. Es gibt immer Informationen, die fehlen. Zum Beispiel gerade im Fall Puigdemont, da sind noch viele Fragen offen. Da haben die Geheimdienste eine komplette Sperre verhängt.

Rawan: Gibt es Methoden, wie Sie da rankommen?

Kläsener: Wir haben da Maulwürfe. So muss man als Journalist arbeiten. Man muss Kontakte haben und wissen, wen man fragt. Und dann fragt man am Ende offiziell, ob das stimmt. Networking ist ganz wichtig.

Kosai: Trennen Sie da Berufliches von Privatem?

Kläsener: Ich trenne das als Chefredakteur ganz strikt. Ich sieze alle Kollegen und alle Informanten. Ich bin in keinem Club. Ich habe ein einziges Ehrenamt im Beirat eines Hospizes, das sich um sterbende Menschen kümmert. Das ist einfach persönlich, das mache ich nicht als Chefredakteur. Ich gehe mal mit Politikern essen, dann lade ich sie aber ein. 

Rawan: Warum machen Sie das so?

Kläsener: Es gibt einen Grundsatz für Journalisten: Sie sind überall dabei, gehören aber nirgendwo dazu. Wir sind nicht Teil des Systems. Natürlich beeinträchtigt das auch mein Privatleben. Aber ich habe den schönsten Beruf der Welt.

Lukas: Das bedeutet auch viel Verantwortung.

Kläsener: Ich sage mal mit Blick auf syrische Verhältnisse: Wenn wir die Freiheit, die wir in Deutschland haben, nicht auch nutzen, dann haben wir sie auch nicht verdient.

Ali: Was mögen Sie an Ihrer Arbeit am liebsten?

Kläsener: Dass ich nicht weiß, wie der Tag endet. Jeder Tag ist anders. Und man ist jeden Tag fertig mit seinem Produkt – wie ein Bäcker, der jeden Tag backt und sein Tagewerk schafft. Das ist sehr befriedigend.

Kosai: Was ist Demokratie für Sie? Was wünschen Sie der Demokratie?

Kläsener: Demokratie ist leider ein Substantiv, und das erweckt den Eindruck, als sei sie fest, und das ist nicht wahr. Demokratie ist ein Organismus, und der kann morgen krank werden, der kann sogar sterben. Deswegen ist unsere Aufgabe als Presse innerhalb einer Demokratie, von der wir profitieren, dass wir diesen Organismus gesund halten.

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